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Zaaltag: Juli 2012


01 Juli 2012

Ich bin ja weißgott kein Fußballexperte, aber...

...wenn ich mir so manche Kritik in den letzten Tagen durchlese muss ich das vielleicht auch gar nicht sein, denn ich habe mittlerweile so unglaublich viele "Expertenmeinungen" gelesen, dass ich mal eine handvoll davon etwas unbedarft hinterfragen möchte:

"Die Mannschaft holt (unter Löw) einfach keine Titel".

Ist ja ganz offensichtlich inhaltlich richtig. Aber meine Gegenfrage lautet "Warum sollte sie auch?". Löw hat das Team bei 3 Turnieren trainiert. 2008 verlor man im Finale gegen den Titelträger, 2010 im Halbfinale gegen den Titelträger und 2012 gegen den letzten Weltmeister vor Spanien mit jeweils einem Tor.

Abgesehen von Spanien ist das die beste Bilanz aller europäischen Mannschaften. Und das soll jetzt ein Punkt sein, der GEGEN Löw spricht? Das ist eine relativ interessante Logik.

In den vier Jahren sind drei Titel verteilt worden (zum Zeitpunkt wo ich diesen Beitrag schreibe ist das Finale 2012 noch nicht gespielt). Wenn "Titel seit 2008 nicht holen" darüber entscheidet, ob ein Trainer geeignet ist, haben wir zurzeit bei allen Nationalmannschaften Europas meines Wissens exakt einen, der Löw ersetzen könnte. Und der heißt Vincente Del Bosque und ist grad anderweitig okkupiert, wenn ich mich nicht irre.

Aber selbst wenn wir uns davon lösen: Woher kommt die Idee, dass Deutschland zurzeit irgendwie "reif" für den Titel ist. Spanien dominiert seit 2008 die FIFA Rangliste (mit kurzen Unterbrechungen durch zwei Teams die ebenfalls nicht Deutschland heißen) und auch ansonsten gibt's in der Welt ja noch so das ein oder andere brauchbare Team.

Klar wäre ein Titel schön - aber irgendwie scheint mancher zu glauben, Deutschland sei die krasseste Übermannschaft des Planeten und man müsse schon extrem viel falsch machen, um in 4 Jahren (!) keinen Cup zu holen.

Ach ja: Und eine Randnotiz: Der Logik folgend müsste man sich ja eigentlich Jupp Derwall zurückwünschen, wäre er denn noch unter den Lebenden. Hab ich aber irgendwie noch nirgends gelesen...

"Die Mannschaft gewinnt die wichtigen Spiele nicht"

Ab wann definieren wir eigentlich ein Spiel als wichtig?

Wenn man sich nicht qualifiziert nimmt man nicht am Turnier teil oder sehe ich das falsch? Fragt mal die Holländer nach der WM 2002. Wie sah unsere EM Qualifikationsbilanz aus? Ach ja richtig. Jedes Spiel gewonnen. Ohne Ausnahme. Und keins davon war offenbar "wichtig".

Dann gibt's da so Vorrunden von denen ich bislang dachte, dass sie einen kleinen Einfluss auf den Turnierverlauf haben. Wenn ich mich recht entsinne hat Deutschland von den letzten neun Spielen sieben gewonnen zwei verloren. Und bei den jeweils potenziell entscheidenden dritten Spielen lautet die Bilanz 3-0. Mh. Auch davon war wohl keins "wichtig".

Und in dieser Vorrunde: 3 Siege 0 Niederlagen. Verstehe die Holländer gar nicht, wie die sich als Vizeweltmeister über 0 Siege ärgern. Von den Spielen war doch augenscheinlich ebenfalls keins wichtig.

Die K.O. Runden wenigstens?  Da ist man doch bei einer Niederlage raus! 2008 zwei Siege, eine Niederlage. 2010 zwei Siege, eine Niederlage. Dieses Jahr ein Sieg, eine Niederlage. Bilanz 5:3. Ebenfalls ne positive Bilanz. Aber auch davon war wohl kein Spiel wichtig.

Nebenbei hat die Mannschaft wenn ich mich recht entsinne noch den Weltrekord für die meisten Pflichtspielsiege in Folge aufgestellt. Aber Pflichtspiele - haben wir schon gelernt - sind ja fast nie wichtig.

Egal wie ich es drehe - das einzige, was man Löw vorwerfen kann, ist letztlich dass Deutschland nicht JEDES wichtige Spiel gewonnen hat. Und das ist echt ein lustiger Maßstab wenn man so drüber nachdenkt, weil mir spontan in den letzten vier Jahren auch nur eine Mannschaft in der Welt einfällt, die das hinbekommen hätte...

"Löws Taktik gegen Italien war falsch!"
Naja, zunächst mal war das Ergebnis falsch, da sind wir uns einig.

Ich weiß nicht, wann genau man in Deutschland angefangen hat Italien in Sachen Spielstärke irgendwo zwischen Andorra und Liechtenstein einzuordnen aber das letzte mal als ich sie gesehen habe war im England Spiel wo Italien 36 - in Worten SECHSUNDDREISSIG -Torschüsse abgefeuert (aber nicht getroffen) hat und die Achse Pirlo/Balotelli alleine mehr Gefahr aufs Tor der Engländer gebracht hat als die gesamte englische Mannschaft umgekehrt aufs Tor der Italiener.

Man hätte als Trainer auf die abwegige Idee kommen können, einen Spieler mit defensiven Sonderaufgaben zu betreuen. Zum Beispiel Pirlo auf den Füßen zu stehen. Ach - ist ja passiert. Ach richtig, der hat auch kein Tor vorbereitet. Ach ja - aus den 36 Torschüssen gegen England wurden ganze 11 gegen Deutschland. Und Pirlo war es auch nicht, der die Tore vorbereitet hat.

"Reus hätte spielen müssen und nicht Kroos!"
Italien war bis zum Deutschland-Spiel die Mannschaft war, die im gesamten Turnier von allen Teams die meisten Offensivaktionen hatte (alles im Detail hier  nachzulesen). Umgekehrt hatte Deutschland die meisten Tore geschossen. Daraus folgern wir also, dass Deutschland sich hätte offensiver ausrichten und auf die Sonderbewachung Pirlos verzichten sollen? DIE Kommentare hätte ich gerne gelesen, wenn Reus vorne ackert und Pirlo zwei Hütten vorbereitet. Aber gut - ich bin ja kein Experte.

"Gomez aufzustellen war ein Fehler!"
Immer wieder lustig, wenn jemand sagt, dass es ein Fehler war einen Spieler aufzustellen NACHDEM er eine schlechte Leistung gebracht hat. Leute! Das Foto aus dem Delorean war ein Fake. Trainer können doch gar nicht in die Zukunft schauen.

Die Frage ist: Gab es irgendeinen Grund zur Annahme, Gomez wäre nicht tauglich, um gegen Italien zu spielen. 3 Einsätze von Beginn an. 3 Tore. 26 Tore in der abgelaufenen Liga. Ich kenn mich da ja nicht so aus aber für mich klingt das schon so als ob der auch mal auf den Platz sollte. Jo - er hat kein dolles Spiel gemacht. Hätte man auswechseln müssen! Oh wartet - ist ja passiert.

"Poldi hätte nicht spielen dürfen!"
Ich bin da etwas langsam im Begreifen: Mehr als hundert Spiele für die Nationalmannschaft und einer der Schlüsselspieler der letzten WM zu sein sind wertlos, wenn man 3 mäßige Partien gegen weltweite Top-Mannschaften macht und dann muss der Spieler bitte SOFORT aus dem Kader gestrichen und zum Beispiel durch einen 21-Jährigen Schürrle ersetzt werden, der nahezu keine Internationale Erfahrung hat. So weit richtig?

Und dann hat der auch kein dolles Spiel gemacht. Hätte man auswechseln müssen! Oh wartet - ist ja passiert.

"Schweini hätte nicht spielen dürfen!"
Gut, kann ich verstehen.

Aber so als Laie gesprochen: Irgendwie macht es doch wenig Sinn, sich NACH einem Spiel die schwachen Spieler anzuschauen und zu sagen, "Wenn statt dem und dem der und der gespielt hätte wäre alles anders gelaufen". Denn das war ja nicht die Situation, die der Trainer VOR der Aufstellung hatte. Die Sache mit dem Delorean. Ihr erinnert euch vielleicht...

Was aber viel wichtiger ist: Was genau ist eigentlich schlecht gelaufen. Deutschland hatte mehr Ballbesitz, doppelt so viele Torchancen, 14-0 Ecken und eine Kopfballduellquote von 88-12%. Wo genau ist da eine Taktik komplett nicht aufgegangen? Jetzt mal außer bei den Toren...

Das eine von Cassano vorbei an Hummels und Boateng mit Badstuber der nicht mal zum Kopfball hochsteigt und das zweite wo Lahm das Abseits von Balotelli aufhebt und fünf meter hinterherläuft (der nächste Spieler in der Nähe war Podolski der auf Abseits gespielt hat). Keine Ahnung, wo unsere Innenverteidigung da stand. Ich dachte bisher, dass die halt manchmal bei so Stürmern stehen. Aber ich bin ja kein Experte.

Trotzdem lese ich nirgends, dass es ein Fehler war, Badstuber, Hummels, Boateng oder Lahm aufzustellen. Na gut, da müsste man auch ziemlich doof sein, wenn man sich die Leistungen der Spieler im restlichen Turnier (vor allem Hummels) anschaut oder die Leistung von Boateng gegen CR7, von Lahm über die letzten Jahre gar nicht erst zu reden. Aber nun gut, ich bin ja auch kein Experte...